Cantigas de Amigo

Galizische, Französische und Sephardische Frauenlieder

Frauenlieder gehören zu den ältesten poetischen Zeugnissen, die uns schriftlich überliefert sind. Es sind Lieder, in denen das sprechende/singende „Ich“ eine Frau ist. „Chansons de femmes“, so heißen die Lieder der Trouvéres aus Sicht der Frauen, wobei es als sicher gilt, daß sie von Männern geschrieben und vorgetragen wurden.

Nur in der Provence gab es Komponistinnen, von denen wir heute wissen, die Trobairitzen: Azalais de Porcairagues, Maria von Ventadorn und Comtessa Beatritz de Dia. Und nur von letzterer gibt es auch eine zum Text überlieferte Melodie, das berühmte: “A chantar“.

Auf der iberische Halbinsel begegnen wir in Galizien den „Cantigas de Amigo“ von Martín Codax. Dieser Liederzyklus stellt einen typischen Vertreter der Frauenlieder dar. Martín Codax dürfte um das Jahr 1230 in der Provinz Galicia geboren sein. Über Leben und Wirken dieses iberischen Trobadors ist nichts bekannt, ebensowenig über das Datum und den Ort seines Todes. Neben Alonso el Sabio ist Martín Codax der einzige iberische Dichter der frühen Zeit von dem Melodien überliefert sind. Von seinen “Siete Canciones de Amigo“ sind 6 mit Melodien versehen. Ihre Sprache ist das Galizische. Form und Aufbau lehnen sich an das französische Virelais an. Die Provinz Galizien, einstmals unter den Sweben ein selbstständiges Königreich, war im 13. Jahrhundert ein Teil Kastiliens. Die Sprache dieser iberischen  Provinz verbreitete sich weit über die Grenzen hinaus über Nordportugal und in Kastilien, wo er zur Sprache der Poesie wurde. Auch die berühmten Cantigas des Königs Alfonso el Sabio sind in galicischer Sprache abgefasst.

Unsere Reise endet im Mittelmeerraum, dorthin, wo die Sepharden nach ihrer Vertreibung geflüchtet sind. Im Jahre 1492, das Jahr der „reconquista„ (Eroberung Granadas und Vertreibung der Mauren) und der „conquista„ (Kolumbus „entdeckte„ Amerika), wurden die Juden nach einem Edikt des Kardinals Cisneros aus Portugal und Spanien vertrieben und suchten sich heimatlos – wie so oft in ihrer langen Geschichte – neue Länder, in denen sie willkommen waren. Vor allem rund um den Mittelmeerraum siedelten sie sich an und lebten in ihrer jüdisch-spanisch Tradition weiter. Und es waren vor allem die Frauen, die ihre Liedtradition pflegten und von Generation zu Generation weitergaben. In den fünfziger Jahren des 20.Jahrhunderts machte sich der Musikologe Isaac Levy in diese Länder auf und hob einen wahren Schatz: „Ich besuchte eine alte Frau nach der anderen, Dorf um Dorf, um aus ihren Mündern ihre Lieder zu hören und festzuhalten. Sie werden heute noch in Griechenland, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien und Rhodos gesungen von den Frauen gesungen“, schrieb Levy während seiner Recherchen. Er brachte dann Anfang der sechziger Jahre eine vierbändige sephardische Liedersammlung in London heraus. Levys Arbeit blieb nicht ohne Echo. So schrieb ihm Pablo Casals aus Puerto Rico: „Ihre sephardische Liedersammlung habe ich mit großem Dank erhalten. Dem Charme der Lieder bin ich sofort erlegen. Ihre Arbeit verdient Bewunderung und Hochachtung – die Lieder, dass sie in der Welt bekannt werden. Einige der Lieder erkannte ich: sie finden sich auch in der katalanischen Folklore wieder, was sicher auf einen sephardischen Ursprung schließen lässt.“

Die Lieder des Mittelalters waren – wie die mittelalterliche Lyrik überhaupt – nicht für die Lektüre bestimmt, sondern für den öffentlichen Vortrag. Wie der Text und die Musik realisiert wurden, welche Rolle die freie Improvisation spielte und wie dies alles bei der Aufführung der Lieder zusammenwirkte, ist schwer zu ermitteln und nur in Ausnahmefällen sind die Melodien zu den Liedern überliefert. Darum ist die Improvisation auf der Grundlage des Erforschens der mittelalterlichen Quellen die Basis unserer Arbeit. Ein Grund auch dafür, warum das Aufführen und Hören dieser alten Musik  auch immer ein Hier und Jetzt beinhaltet.

PROGRAMM:

CHANSONS DE FEMMES

  • A chantar (Comtessa Beatriz de Dia)
  • Canso: Ar em al freg temps (Text: Azalais de Porcairague [Ende 12. Jh.], Melodie: Maria Jonas)
  • Chantereai pur mon courage (Anonym / Chanson de femme, Chanson de croisade)
  • Ab jois e jovens m’apaia (Text: Beatriz de Dia, Melodie: Maria Jonas 2016)

CANTIGAS DE AMIGO

Liederzyklus von Martín Codax

  • Ondas do mar de Vigo
  • Mandad‘ei comigo
  • Mia yrmana fremosa
  • Ay Deus!
  • Quantas sabedes amar
  • Eno sagrado en Vigo
  • Ay ondas do mar

CANCIONES SEFARDITAS

  • Nanni, nanni (Tanger)
  • El rey de muncho madruga (Türkei)
  • Porque llorax blanca niña (Türkei)