Nostre Dame

Unsere Liebe Frau – مريم العذراء – Maryam al adhraa
Das einstimmige Repertoire der berühmten Notre Dame Schule, Paris 13. Jh.

«O Maria, siehe, Gott hat dich auserwählt und gereinigt
und erwählt vor allen Frauen der Welt.«
Qu‘ran, Sure 3:42

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Im Konzil zu Ephesos 431 wurde die Gottesmutterschaft Mariens zum Glaubenssatz erhoben und somit der Grundstein zur Marienverehrung gelegt. Hier in Kleinasien wurde schon seit der Antike in der griechischen Mythologie die weibliche Gottheit Artemis verehrt, die jungfräuliche Göttin der Jagd, des Waldes und des Mondes. Die Ruinen von Ephesos finden wir heute in der Nähe von Selçuk (Türkei), ungefähr 70 km südlich von Izmir an der Ägäis im heutigen Efes.

In den ersten Jahrhunderten des Christentums verehrte man Maria in dem Bild einer Frauengestalt mit zum Himmel erhobenen Armen. Erst mit dem erwachenden Mittelalter erhält sie die Gestalt der Mutter Gottes. In der Zeit um 1000 verdichtete sich das Bild Mariens und in den wenigen erhaltenen Werken der Goldschmiedekunst ottonischer Zeit tritt die Madonna mit dem Kind auf dem Arm (z.B. Essener „Goldene Madonna“) nicht nur als Gottesgebärerin auf, sondern auch als Himmelsherrscherin – jeder greifbaren Stofflichkeit entrückt und bar aller Schwerkraft. Aus dieser distanzierten Darstellung der Jenseitigkeit tritt im Verlaufe des 13. Jahrhunderts das Marienbild der französischen Kathedralen heraus und begibt sich in eine größere Nähe zur Welt, hin zum Menschen. In dieser Zeit entstanden die eindrucksvollen Pietá-Skulpturen und aus dieser Zeit stammt auch die Musik unseres Programms.

Maria, die Mutter Jesu, hat auch im Islam eine außergewöhnliche Sonderstellung inne: sogar eine ganze Sure trägt ihren Namen, die Sure 19. Dort wird berichtet, wie sie unter einer Palme einen Sohn Namens Isa bin Maryam (Jesus, Sohn der Maria) gebiert. Die aus dem gleichen Zeitraum stammende Sure 21 berichtet von der Jungfrauengeburt:  „Und der, die ihre Keuschheit wahrte, hauchten Wir von Unserem Geist ein und machten sie und ihren Sohn zu einem Zeichen für die Welten.“ (21:91). Die Muslime verehren Jesus als den letzten Propheten vor Mohammed und deshalb genießt Maria besonderes Ansehen. Sie gilt als eine der „besten Frauen“, neben Khadija, der ersten Frau Mohammeds, und Fatima, seiner Tochter.

Im Neuen Testament und im Koran begegnen wir der Gestalt Mariens in sehr ähnlichen Beschreibungen Mariens, doch trotz vieler Übereinstimmungen darf man die Unterschiede in den beiden Glaubenstexten nicht übersehen: In der Bibel erhält Maria ihre zentrale Bedeutung durch die Rolle ihres Sohnes als Sohn Gottes: Maria als die Mutter Gottes – das Konzept des Gottessohn und seiner Gottesmutter ist dem Islam jedoch völlig wesensfremd.

Nur an wenigen Stellen und überwiegend nur am Rande tritt die Gottesmutter in den Evangelien des neuen Testaments auf. Im Qu‘ran wird sie als einzige Frau überhaupt namentlich erwähnt. Mir gefällt die Geschichte, dass mit Meryemana in der Türkei ein islamischer  Marienwallfahrtsort existiert, der auch christliche Pilger anzieht – inklusive dreier Päpste allein im 20. Jahrhundert. Hier verehren Muslime die Mutter des Propheten Isa ibn Maryam und Christen ihre Mutter Gottes: Nostre Dame – Unsere Liebe Frau – مريم العذراء – Maryam al adhraa.