Von Bingen nach Bagdad

Musik von Hildegard von Bingen (1098-1179),
jüdische Psalmodien und
arabische Instrumentalmusik

IMG_2491Die Musik Hildegards und die des Orients scheinen zunächst nichts miteinander gemein zu haben. Doch entwickelte sich unsere westliche Musik vor allem aus der Gregorianik, die ebenso aus dem Mittelmeerraum stammt wie die orientalische Musik. D.h. sie haben die gleichen Wurzeln, was in den ältesten Gregorianischen Gesängen auch durchaus noch hörbar ist. Der modalen Musik des Ostens und des Westens liegen Skalen zugrunde: Makams im Osten und die Modi im Westen. Aus letzteren entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderts die Dur- und Molltonarten. Zur Zeit Hildegards waren in unseren Breiten noch die Modi und das einstimmige Singen üblich. Der Westen entschied sich später jedoch für einen anderen Weg: die Polyphonie. Der Orient dagegen blieb beim „cantus planus“ und verfeinerte ihn über die Jahrhunderte. Es entstanden komplizierte Skalen mit Achtel, Siebenachtel und Vierteltönen und auch eine hoch subtile Rhythmik.

IMG_2506Muslimische und jüdische Kultur gehören beide natürlich ohne jeden Zweifel in die orientalische Welt. In den jüdischen und orientalischen Gesangstraditionen wurde und wird bis heute das Wissen um die Melodien der Lieder von Mund zu Ohr weitergegeben, ganz in einer Tradition, die in Europa auch im Mittelalter usus war. Darum gibt es nur vereinzelte Aufzeichnungen jüdischer Musik vor dem 16. Jahrhundert. Die Melodien für die Psalmen (Tehilim), Sprüche der Väter (Mishli) und das Buch Hiob sind so völlig verloren gegangen. Im ganzen Orient hat sich diese Tradition bis heute erhalten und darum gibt ebenso keinerlei Notationen für die Koranrezitationen. Im Christentum dagegen wurden die liturgischen Melodien ab ca. dem 9. Jahrhundert aufgeschrieben, zunächst in unlinierten Neumen. Und heute sind wir im Westen ganz und gar abhängig von aufgeschriebener Musik.

IMG_2492Unser Programm setzt sich aus diesen drei (eigentlich zwei!) Musik-Traditionen auseinander. Die Psalmen (Tehilim) singen wir zwar auf Latein, aber nicht in den westlichen Tönen, sondern den jüdisch-orientalischen. Sie sind die Verbindung zu den arabisch geprägten Musikstücken von Bassem Hawar. Die grandiose Musik der Hildegard von Bingen steht für die christliche Kultur. Hildegard steht mit ihren Kompostionen im 12. Jahrhundert genau an dem europäischen Scheidepunkt zur Mehrstimmigkeit: sie ist eine der letzten, die im Cantus Planus komponierten. Sie verfeinerte, erweiterte zu neuen Klangräumen und Melodien. Sie experimentierte mit den Mittel ihrer Zeit. Hier könnte man sich auch eine europäische Entwicklung vorstellen hin zu ähnlichen Skalen, wie wir sie heute noch in der orientalischen Musik finden.

So wird die Musik des europäischen Mittelalters eine Brücke zur orientalischen Musik. Es entsteht dabei ein Dialog nicht nur zwischen drei Kulturen sondern auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

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P R O G R A M M

Karitas (Dominik Schneider nach Hildegard von Bingen) – instr.
Karitas (Hildegard von Bingen)
Von der Liebe bis hoch zu den Sternen überflutet die Liebe das All. Sie ist liebend zugetan allem, da dem König dem höchsten sie den Friedenskuß gab.
Psalm 121 (Ahavah Rabah)
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: Woher kommt mir Hilfe? Hilfe kommt mir vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Der Herr behüte dich vor allem Unheil, er behüte dein Leben. Der Herr behüte dein Gehen und dein Kommen von nun an auf ewig.

Djozz (Bassem Hawar) – instr.

O rubor sanguinis (Hildegard von Bingen)
Du rotes Blut, das aus der Höhe herab geflossen ist, welche die Gottheit berührt hat. Du bist die Blüte, der das eiskalte Zischen der Schlange nichts anhaben kann.
Psalm 109 (Askenasisch)
So spricht der Herr zu meinem Herrn: „Setze dich zu meiner Rechten, bis dass ich dir deine Feinde als Schemel unter die Füße lege.“ Unter den Völkern hält er Gericht, er häuft die Toten, zerschmettert die Häupter weit hin übers Land.

Djozz (Bassem Hawar) – instr.

Cum erubuerint (Hildegard von Bingen)
Wenn uns Scham übermannt, immerzu auf der Bahn der Sünde, wie gestrauchelte Pilger: dann rufst du sie, mit hoher Stimme und hilfst du uns auf, uns Menschen, nach dem tückischen Fall.
Psalm 147 (Tonus Peregrinus)
Jerusalem, lobe den Herrn, lobe, o Sion, deinen Gott. Er hat deiner Tore Riegel gefestet und deine Söhne gesegnet, die in dir sind. Er hat deinen Grenzen Frieden gewährt, mit der Kraft des Weizens sättigt er dich.

O Jerusalem (Hildegard von Bingen)
O Jerusalem, du goldene Stadt, geschmückt mit dem Purpur des Königs! Du bist geschmückt vom Morgenrot, strahlst auf im Glühen der Sonne! Deine Türme scheinen klar wie Gold und strahlen hell vom Purpurglanz!

Pastor animarum (Dominik Schneider nach Hildegard von Bingen) – instr.

Rex Noster (Hildegard von Bingen)
Unser König ist bereit, das Blut der Unschuldigen aufzunehmen. Deshalb singen die Engel. Doch die Wolken klagen über dieses Blut. Der Tyrann aber wurde in schwerem Todesschlaf wegen seiner Bosheit erstickt. Doch die Wolken klagen über dieses Blut.

Lami (Bassem Hawar) – instr.   

O cruor sanguinis (Hildegard von Bingen)
O grausame Bluttat, die zum Himmel schrie, die alle Elemente in Aufruhr versetzte: voll Schrecken schrien sie klagend auf, weil das Blut des Schöpfers sie selbst benetzte. So heile uns von unserem Schwermut und Erschöpfung!

Arabi (Bassem Hawar) – instr.

Psalm 91 (Ahavah Rabah)
Wer wohnen darf im Schutz des Höchsten, der ruht im Schatten des Allmächtigen. Ein Schild und ein Schutzwall ist seine Treue. Du brauchst dich vor dem Schrecken der Nacht nicht zu fürchten.
Karitas (Hildegard von Bingen)